Lehrstuhl für Finanzdienstleistungen und Finanzmanagement

Handbuch Aufsichts- und Verwaltungsräte in Kreditinstituten

Die Aufgabe des Aufsichts- oder Verwaltungsrates einer Bank oder Sparkasse ist auf der einen Seite leicht zu beschreiben: Er hat zuoberst die Geschäftsleitung zu überwachen, außerdem auch zu beraten. Auf der anderen Seite stellt die Erfüllung dieser Aufgabe jedoch eine gewaltige Herausforderung dar.

Ein Kreditinstitut ist durch die Art der Geschäftstätigkeit in starkem Maße sowohl betriebs- und volkswirtschaftlich als auch juristisch geprägt, wobei die juristische Prägung auch das Ergebnis der in den letzten Jahren intensivierten Beaufsichtigung der Kreditinstitute durch die Zentralbanken und die in den einzelnen Ländern eingesetzten Bankaufsichtsbehörden ist. Das Mitglied eines Aufsichts- oder Verwaltungsrates muss zumindest über Grundkenntnisse der rechtlichen Rahmenbedingungen der Geschäftstätigkeit einer Bank oder Sparkasse und damit auch seiner eigenen Aufgaben und Verantwortlichkeiten sowie der seiner Organkolleginnen und -kollegen verfügen.

Daneben aber sind auch profunde betriebs- und volkswirtschaftliche Kenntnisse erforderlich, um ein Kreditinstitut überwachen und die Geschäftsleitung beraten zu können, ist doch das Geschäftsmodell einer jeden Bank oder Sparkasse auf die Liquiditäts- und Risikotransformation ausgerichtet, also auf den Transfer finanzieller Mittel und die (hoffentlich) kontrollierte und im Ergebnis erfolgreiche Bewältigung der damit einhergehenden Bonitäts- und Marktpreisrisiken. Eine wirkungsvolle Überwachung kann nur dann gelingen, wenn der Aufsichts- oder Verwaltungsrat ausreichende Kenntnisse über die spezifischen Ausgestaltungsformen sowie die Chancen und Risiken dieses komplexen Geschäftsmodells besitzt, aber auch mögliche Strategien und z.B. Maßnahmen des Risikomanagement beurteilen kann.

Eine besondere Dynamik und Brisanz erhält die Funktion eines Aufsichts- oder Verwaltungsrates schließlich dadurch, dass die Kreditinstitute eine zentrale Stellung in der Volkswirtschaft einnehmen: Neben ihrer Funktion als Risikodrehscheibe fungieren sie als Sammelbecken von Einlagen und müssen die Kreditversorgung der Wirtschaft, der privaten Haushalte und der öffentlichen Hand sicherstellen.  Die Erfahrungen der Vergangenheit haben dabei gezeigt, dass sich Probleme einer Bank sehr schnell auf andere Banken oder die gesamte Wirtschaft übertragen können. Das System der Bankenaufsicht ist darauf ausgerichtet, Schwierigkeiten bei den einzelnen Kreditinstituten und im Gesamtsystem zu verhindern; der Aufsichts- oder Verwaltungsrat einer Bank oder Sparkasse hat seine Bemühungen darauf auszurichten, dass die Existenz des einzelnen Kreditinstituts nicht gefährdet ist. Gerade während der letzten Finanzmarktkrise ist deutlich geworden, dass die Erfüllung dieser Aufgabe keine Selbstverständlichkeit darstellt.

Um eine Bank oder Sparkasse erfolgreich überwachen zu können, muss der Aufsichts- oder Verwaltungsrat also mit dem Gesamtgebilde „Kreditinstitut“ vertraut sein. An dieser Stelle setzt das vorliegende Handbuch an. Zielsetzung des Sammelbandes ist die umfassende Erörterung der Tätigkeit von Aufsichts- und Verwaltungsräten in Banken, Sparkassen und Spezialkreditinstituten, wobei der Fokus primär auf den deutschen Markt gerichtet wird. Daneben werden aber auch die Besonderheiten der Kreditinstitute im deutschsprachigen Ausland betrachtet. Das Handbuch nimmt sowohl einen betriebs- und volkswirtschaftlichen als auch einen juristischen Blickwinkel ein. Als Autoren konnten Persönlichkeiten aus der Wissenschaft und der kreditwirtschaftlichen Praxis, aber auch aus der Bankenaufsicht und den beratenden Berufen gewonnen werden.

Der Sammelband beschäftigt sich auf der einen Seite mit regulativen und eher formal-organisatorischen Fragen, auf der anderen Seite aber auch mit inhaltlichen Aspekten, die direkt die Arbeit eines Aufsichts- oder Verwaltungsrates betreffen. Das Handbuch soll dem Aufsichtsorgan einer Bank oder Sparkasse als umfassende Informationsbasis und als Nachschlagewerk dienen; es liefert sowohl dem erfahrenen Aufsichts- oder Verwaltungsrat als auch dem neu in das Gremium eintretenden Mitglied Hilfestellungen bei der Bewältigung seiner Aufgaben. Das Handbuch richtet sich ebenfalls an  die Mitglieder der Aufsichtsorgane von Auslandsbanken und Spezialinstituten, wie von Bausparkassen, Leasing- und Factoringgesellschaften, sowie den Umfeldgruppen der Organmitglieder (z.B. Vorstandsmitglieder, Vorstandsstäbe und Rechtsabteilungen, Verbände). Dem interessierten Wissenschaftler bietet der Sammelband einen Überblick über die mit der Beaufsichtigung von Kreditinstituten verbundenen Problemstellungen, Lösungsansätze und offenen Fragen.

Zur Bewältigung dieser vielschichtigen Aufgabenstellungen ist das Handbuch in sechs Kapitel untergliedert. Während sich dabei die Kapitel eins bis drei eher mit dem Organ Aufsichts- resp. Verwaltungsrat, seinen Aufgaben und Verantwortlich-keiten sowie der Art und Weise der Bewältigung dieser Aufgaben beschäftigen, sind die Kapitel vier bis sechs auf den Gegenstand der Überwachungshandlungen, nämlich das Kreditinstitut, ausgerichtet. In Kapitel eins wird dabei der institutionelle Rahmen für Aufsichts- und Verwaltungsräte deutscher Banken und Sparkassen aufgezeigt, im Kapitel zwei wird die Rolle des Aufsichtsorgans in den verschiedenen Institutsgruppen, bei unterschiedlichen Finanzdienstleistern und in ausgewählten deutschsprachigen Nachbarländern erörtert. Die während des laufenden Geschäftsbetriebs von dem Aufsichtsorgan zu bewältigenden Herausforderungen stehen im Mittelpunkt des Kapitels drei. Fragen der Rechnungslegung und der Bankenaufsicht werden im Kapitel vier angesprochen und die Einbindung des Aufsichtsorgans in die Geschäftspolitik sowie die Entwicklung von Bankstrategien werden im Kapitel fünf erörtert. Thema des Kapitels sechs ist schließlich die Stellung des Aufsichts- und Verwaltungsrats im Rahmen der Geschäfts-, Ertrags- und Risikosteuerung.

Das Handbuch beruht auf dem Stand Dezember 2012; es ist selbstverständlich so konzipiert, dass für das Verständnis eines Aufsatzes spezifische Kenntnisse anderer Beiträge nicht zwingend erforderlich sind.

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